aus NZZ campus vom 29.05.2009:
Auf «Maloja» folgt «Simplon»
Roll-out
des neuen Boliden des Formula-Student-Teams der ETH
Die Studenten des Akademischen Motorsportvereins Zürich werden auch 2009 bei den Rennen der Formula Student mitfahren. Am Donnerstag präsentierten
sie in Romanshorn ihren neuen Boliden.

fsi. Romanshorn, 28. Mai
Am Mittwochabend lag der Wagen noch in seine Einzelteile zerlegt in der Werkstätte in Zürich. Aber nach einer durchgearbeiteten Nacht
haben es die Mitglieder des Akademischen Motorsportvereins Zürich (AMZ) schliesslich doch noch geschafft, ihren neuen Boliden für den Roll-out
auf dem Gelände eines ehemaligen Tanklagers in Romanshorn bereitzustellen. Der frühere Thurgauer Rennfahrer Fredy Lienhard hat hier seine «Autobau» eingerichtet,
eine Sport- und Rennwagenschau, die eines ihrer Schwergewichte auf Fahrzeuge aus Schweizer Produktion legt.
So sind in der kürzlich eröffneten Sammlung neben automobilen Kostbarkeiten aus Italien, England und Deutschland an prominenter Stelle
auch Monteverdis, Sbarros, Sauber-Rennwagen oder Rinspeeds zu sehen: Das ist eine passende Umgebung für die erste Fahrt des «Simplon»,
des neuen Autos des AMZ, mit dem rund 20 Studenten der ETH Zürich und der Fachhochschulen Bern und Luzern an den diesjährigen Rennen der
Formula Student teilnehmen wollen.
Kleinere Startschwierigkeiten
Zwei, drei Mal hört man aus der Garage am anderen Ende des grossen Platzes das schrille Wiehern eines Anlassers, dann herrscht Ruhe. «Ui,
das klingt nicht gut», orakelt Dani Nauer, ein angehender Maschineningenieur, der letztes Jahr im Team des schneeweissen Vorgängermodells «Maloja» mitgearbeitet
und seine Kollegen beim Bau des anthrazitgrauen «Simplon» beraten hat. Es sei das allererste Mal, dass der Motor gestartet werde, und
es sei denkbar, dass dazu mehrere Anläufe gebraucht würden, hatte Bruno Reinhart, der Sprecher der studentischen Rennsportgruppe, die Angehörigen,
Freunde und Sponsoren vorsorglich gewarnt, die an diesem Donnerstag vormittag nach Romanshorn gekommen waren.
Ein, zwei Minuten lang hallt bloss das Elf-Uhr-Geläut der nahen Kirche über das Gelände. Dann treten der Mechaniker Urs Leuthard
und der Fahrer Marco Dall aus der Garage und beruhigen die Wartenden. Es gebe ein paar kleine Probleme mit der Zündung, aber die seien bestimmt
bald behoben. Und tatsächlich, weitere fünf Minuten später donnern Motorengedröhn und lauter Jubel hinter dem Rollladen-Tor hervor.
Nach ein paar weiteren Startversuchen flitzt der «Simplon» endlich in einer ausladenden Kurve auf den Platz heraus. Marco Dall parkiert
ihn elegant vor den Zuschauern. Die Studenten freuen sich über die erste Fahrt ihres Boliden.
Für Studenten aller Fakultäten offen
Der mit Bioethanol betriebene «Simplon» ist der dritte Formula-Student-Wagen der ETH. Diese studentische Rennserie, die mit 600-Kubikzentimeter-Triebwerken
von Rennmotorrädern gefahren wird, gibt es seit rund 20 Jahren. Bewertet werden nicht nur Geschwindigkeit und Beschleunigung, sondern auch Standfestigkeit
der Motoren, Kurvenfahrten und Treibstoffverbrauch sowie die Originalität der Konstruktion und auch die Businesspläne, die die Teams für
eine theoretische Vermarktung ihrer Fahrzeuge erstellen müssen. «Simplons» Vorläufermodelle «Albula» und «Maloja» waren
noch im Rahmen der Fokusprojekte der Fünft- und Sechstsemester-Studenten am ETH-Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik entstanden.
Hinter dem neuen Boliden steht nun der Akademische Motorsportverein. Damit können auch jüngere Kommilitonen und Angehörige anderer
Fakultäten mitmachen. «Ökonomen, die uns einen Businessplan erarbeiten, sind zum Beispiel ebenso willkommen wie Publizistikstudenten,
die sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern», sagt Andi Fritschi, einer der alten Hasen im Team.
Erstmals sind in diesem Jahr auch drei Frauen dabei. Eine von ihnen, Karin Ettlin, studiert im vierten Semester Maschinenbau. Sie hat an der Lenkung
mitgearbeitet und stand dabei auch öfters an der Werkbank. «Das Studium an der ETH ist sehr theorielastig, und hier habe ich die Gelegenheit,
auch praktisch zu arbeiten», sagt sie. Und sie hofft, dass sie es ins «Simplon»-Fahrerteam schaffen wird. Als Hobby fährt
die junge Innerschweizerin mit ihrem Strassenauto Slalomrennen. Eine gewisse Erfahrung brächte sie also mit. Allerdings schränkt sie ein,
dass das Lenken eines ruppigen Monocoque-Wagens wohl nicht dasselbe sei wie das Steuern ihres Peugeot 106.
Hohe Erwartungen
Noch wissen die Studenten nicht einmal, wie schwer ihr neuer Wagen ist. Aber sie sind zuversichtlich, dass sie auch dieses Jahr gut abschneiden
werden. Der Wagen sei auf jeden Fall leichter als der «Maloja», und einige Konstruktionsmängel des Vorgängers seien nun behoben.
Die Latte liegt allerdings recht hoch. 2008 erreichte der «Maloja» nämlich in Silverstone den 8. Platz bei 72 Teilnehmenden. In
Hockenheim fuhr er in einem Feld von 78 Teams auf den 12. Platz, und in Maranello wurde er im 4. Rang von 31 Teams klassiert.