aus Blick.ch vom 01.06.2009:
Akademisches Tempo
Von Timothy Pfannkuchen | Aktualisiert um 23:21 | 01.06.2009
Zum dritten Mal fährt ein Schweizer Team in der Formula Student mit. Das neue Gefährt namens Simplon soll in die Top 5 des globalen Ingenieurswettbewerbs
brausen. Wir waren beim Rollout dabei.

Giftig: 90 PS stark, in 3,7 Sekunden auf 100 km/h (Spitze 125 km/h), 210 Kilogramm leicht –mit diesen Daten will der «Simplon» aufden
Rennstrecken punkten. (Timothy Pfannkuchen)


Steuerfrau: Karin Ettlin ist
Spezialistin für die Lenkung.

Alkoholexzesse und durchtanzte Nächte? Keine Sorge: Wenn dieser Tage manch ein Maschinenbaustudent mit blasser Haut und dicken Augenringen unterwegs
ist, darf man dahinter gerne Ingenieursenthusiasmus und Benzin im Blut vermuten: Selten sahen zwei Dutzend übermüdete Studenten so glücklich
aus wie an diesem Morgen vor dem Romanshorner Autobau: Willkommen zur ersten Fahrt des Simplon, dem nach Albula und Maloja neuen Renner des Teams in der
Formula Student.
Als der Bolide losbollert und aus der Halle saust, entspannen sich die Mienen. Szenenapplaus. Wie es sich für ein Rollout gehört, läuft
der Simplon das erste Mal – das thurgauische Städtchen erreicht hatte er in der Nacht in Einzelteilen, geschlafen hat kaum jemand.
Als sich Marko Dahl (25) aus dem Simp-lon schält, erinnert das an Akrobatik-nummern im chinesischen Staatszirkus. Der ETH-Maschinenbaustudent
misst 193 Zentimeter, der kniehohe Simplon ist nur 77 Zentimeter länger. Pilot Dahl wiegt 80, der Simplon gerade mal 210 Kilo. Logisch,
sorgt ein Töffmotor (Suzuki GSX-R 600) da mit 90 PS für rasante Werte. In nur 3,7 Sekunden saust der Flitzer auf Tempo 100 (begrenzte Spitze
125 km/h). Mit Bioethanol, also CO2-freundlich. Eindrucksvoll, gewiss. Doch wozu – wo hier doch weder unvorstellbarer Reichtum noch ewiger Ruhm
winken?
«Das fragt man sich zwischendurch selbst», sagt Bruno Reinhart (25) schmunzelnd aus müden Augen. Gemeinsam mit Roland Bucher, Urs
Leuthold und Philipp Vögelin leitet der ETH-Maschinenbaustudent das Projekt. «Man will etwas entwickeln, was wirklich funktioniert, sucht
die Herausforderung, sich mit anderen zu messen und will vor allem Praxiserfahrung sammeln.» Erholsam ist das nicht.
Seit November hat das Team seine komplette Freizeit geopfert, damit der Simplon pünktlich fertig wird. «Die anderen hatten zuletzt
mehr Stress», winkt Karin Ettlin (20) ab, eine von drei Frauen im Team.
Die Maschinenbaustudentin im 4. ETH-Semester hatte die Mission, in die Enge des Carbonmonocoques die Lenkung hinein zu konstruieren. Und
erklärt: «Die Lenkung war längst fertig.» Längst? «Na ja, seit einer Woche», ergänzt Ettlin lachend: «Aber
es ist ein tolles Gefühl, wenn man den Simplon zum ersten Mal fahren sieht.»
Wenn er denn fährt. «Die Kiste seicht», flucht ein Kollege unakademisch: Aus dem Boliden tropft Öl; Reparaturversuche. Um
nichts zu riskieren, fällt der geplante zweite Probelauf aus, zurück in die Halle geht es – per Muskelkraft. Egal, er läuft – der
Rest ist nun Feinarbeit. «Genau das ist das Spannende daran, etwas zu entwickeln», sagt Reinhart und fügt schelmisch an: «Wir
könnten ja im Prinzip stattdessen auch einen Kühlschrank konstruieren. Aber Kühlschränke machen nicht ganz so viel Spass.»??
Das Schweizer Formula-Team
Studenten konstruieren und bauen einen Rennwagen, der für Amateurpiloten 1000-mal hergestellt werden könnte – günstig, aber rentabel.
Neben Sprint, Rund- und Handlingkurs werden Technik, Design, Zuverlässigkeit, der Businessplan und Kosten bewertet – im Sommer in Silverstone
(GB), Hockenheim (D) und Varano (I).
Das Schweizer Team erreichte 2007 bei zwei Wettbewerben Platz 27 und 11 und im letzten Jahr bei drei Events die Ränge 12, 8 und 4. Das Ziel diesmal:
die Top 5. In den ersten zwei Jahren ein Projekt der ETH Zürich, steht diesmal der Akademische Motorsportverein Zürich (AMZ) dahinter.
Mit dabei sind vor allem Studenten der ETH, aber auch der Berner BFH-TI und der Luzerner HSLU. Finanziert wird das Projekt mit hohem fünfstelligem
Budget rein über Sponsoren. Zu den wichtigsten zählen 2009 Caterpillar, Inspire, SR Technics und ThyssenKrupp Presta.?